einblicke ins unternehmen
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schule beginnen. Ganz junge Mäd-
chen haben oft großes technisches
Interesse, vor allem wenn es um Ex-
perimente geht. Aber im Gymnasi-
um oder noch früher verlieren sie
es. Wenn Unternehmen später an
höheren Schulen nach Talenten su-
chen, ist es für die meisten Mäd-
chen, die einmal technikaffin waren,
zu spät. Hätte man sie die ganzen
Jahre hindurch unterstützt, wäre
es wahrscheinlich nicht zu diesem
Bruch gekommen. Ich selbst ha-
be von meinen Eltern immer Un-
terstützung bekommen und in der
Schule Physik und Chemie-Experi-
mente geliebt!
Leitner: Bei mir war es so, dass
mir meine Informatik-Lehrer ge-
sagt haben: Du bist ein Mädel, das
brauchst du nie. Da habe ich mir
gedacht: Jetzt erst recht! Für die
meisten meiner Mitschülerinnen
war diese negative Einstellung je-
doch demotivierend. Fast keine hat
einen Tech-Beruf gewählt.
focus: Mit welchen Herausforde-
rungen waren Sie konfrontiert,
insbesondere in männerdominier-
ten Umgebungen?
Leitner: In Meetings gehen die meis-
ten davon aus, dass man die Assis-
tentin irgendeines Kollegen ist. Ge-
rade wenn man jung ist, muss man
sich etablieren.
Segura Carrasco: Spätestens mit der
ersten Vorstellungsrunde ist klar,
wofür man zuständig ist. And-
rea hat recht, in den ersten Jahren
schauen die Kollegen: Was macht
diese Frau hier?
focus: Was ist Ihrer Meinung nach
heute immer noch das größte Hin-
dernis für Frauen, erfolgreich zu
sein? Oder definieren Frauen Er-
folg auch anders als Männer?
Segura Carrasco: Ich denke,wenn je-
mand in seine Arbeit geht und glück-
lich ist, ist das Erfolg – egal, ob es
sich dabei um eine Frau oder einen
Mann handelt. Und was das Karri-
eremachen betrifft: Es ist schwierig
für Frauen, ein gewinnbringendes
Netzwerk und eine gute Mentorin
zu haben, denn es gibt nicht so viele
Frauen in höheren Positionen. Da-
her sind weibliche Netzwerke leider
meist nicht so einflussreich wie jene
von männlichen Kollegen – und ge-
nau da braucht man jemanden, der
einen unterstützt.
focus: Warum braucht es aus Ihrer
Sicht mehr Frauen in der Techno-
logiebranche?
Leitner: Es ist extrem wichtig, dass
Frauen sich bei Innovations- oder
Engineering-Themen einbringen,
weil sie andere Aspekte transportie-
ren, teilweise anders denken. Damit
entsteht viel Kreativität und das ist
eine starke Bereicherung.
focus: Gibt es einen Ratschlag, den
Sie sich zu Beginn Ihrer Karriere
gewünscht hätten?
Segura Carrasco: Am Anfang mei-
ner Karriere hätte ich vor allem
Bestärkung gebraucht: „Glaub‘ an
Dich! Trau Dich!“ Es ist wichtig,
dass dich jemand unterstützt, der
an dich glaubt.
Leitner: „Trau dich, Fragen zu stel-
len“, ist das, was mir dazu einfällt.
In meinen Anfängen hatte ich oft
mit eloquenten Kollegen zu tun,
und ich habe mir gedacht, das klingt
zwar richtig, ergibt aber keinen Sinn
für mich. Damals habe ich nicht ge-
wagt, Fragen zu stellen: Okay, wieso
ist es so? Oder: Wie kannst du das
argumentieren? Es hätte geholfen,
wenn mich jemand darin bestärkt
hätte, den Mut zu haben, meine Ge-
danken zu äußern.
A N D R E A L E I T N E R studierte an der Technischen
Universität Graz. Nach ihrem Doktorat in Information and Communi-
cation Engineering startete sie vor neun Jahren in der Research-
Abteilung von The Virtual Vehicle Competence Center und wechselte
kurz darauf als Projektleiterin und Research Engineer zu AVL. Seit
Mai 2022 ist sie Head of Development ADAS/AD Testing Solutions,
wo es im Wesentlichen um Testsysteme für die Sicherheit rund ums
autonome Fahren geht.
sehr jung und hatte noch nie zuvor
ein Forschungsprojekt geleitet. Dann
dachte ich: Ich probiere es! Ich muss-
te 70 Partner aus höchst unterschied-
lichen Bereichen koordinieren und
wurde häufig zu Konferenzen einge-
laden, um das Projekt vorzustellen.
Am Ende war es ein toller Erfolg.
focus: Was müsste getan werden,
um mehr Mädchen für eine Tech-
Karriere zu ermutigen?
Segura Carrasco: Wir müssten früh,
im Kindergarten oder in der Volks-