AVL Focus - Ausgabe 2023

THE AVL MOBILITY TREND MAGAZINE - Nr. 1 2023

einblicke ins unternehmen

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einblicke ins unternehmen

schule beginnen. Ganz junge Mäd-

chen haben oft großes technisches

Interesse, vor allem wenn es um Ex-

perimente geht. Aber im Gymnasi-

um oder noch früher verlieren sie

es. Wenn Unternehmen später an

höheren Schulen nach Talenten su-

chen, ist es für die meisten Mäd-

chen, die einmal technikaffin waren,

zu spät. Hätte man sie die ganzen

Jahre hindurch unterstützt, wäre

es wahrscheinlich nicht zu diesem

Bruch gekommen. Ich selbst ha-

be von meinen Eltern immer Un-

terstützung bekommen und in der

Schule Physik und Chemie-Experi-

mente geliebt!

Leitner: Bei mir war es so, dass

mir meine Informatik-Lehrer ge-

sagt haben: Du bist ein Mädel, das

brauchst du nie. Da habe ich mir

gedacht: Jetzt erst recht! Für die

meisten meiner Mitschülerinnen

war diese negative Einstellung je-

doch demotivierend. Fast keine hat

einen Tech-Beruf gewählt.

focus: Mit welchen Herausforde-

rungen waren Sie konfrontiert,

insbesondere in männerdominier-

ten Umgebungen?

Leitner: In Meetings gehen die meis-

ten davon aus, dass man die Assis-

tentin irgendeines Kollegen ist. Ge-

rade wenn man jung ist, muss man

sich etablieren.

Segura Carrasco: Spätestens mit der

ersten Vorstellungsrunde ist klar,

wofür man zuständig ist. And-

rea hat recht, in den ersten Jahren

schauen die Kollegen: Was macht

diese Frau hier?

focus: Was ist Ihrer Meinung nach

heute immer noch das größte Hin-

dernis für Frauen, erfolgreich zu

sein? Oder definieren Frauen Er-

folg auch anders als Männer?

Segura Carrasco: Ich denke,wenn je-

mand in seine Arbeit geht und glück-

lich ist, ist das Erfolg – egal, ob es

sich dabei um eine Frau oder einen

Mann handelt. Und was das Karri-

eremachen betrifft: Es ist schwierig

für Frauen, ein gewinnbringendes

Netzwerk und eine gute Mentorin

zu haben, denn es gibt nicht so viele

Frauen in höheren Positionen. Da-

her sind weibliche Netzwerke leider

meist nicht so einflussreich wie jene

von männlichen Kollegen – und ge-

nau da braucht man jemanden, der

einen unterstützt.

focus: Warum braucht es aus Ihrer

Sicht mehr Frauen in der Techno-

logiebranche?

Leitner: Es ist extrem wichtig, dass

Frauen sich bei Innovations- oder

Engineering-Temen einbringen,

weil sie andere Aspekte transportie-

ren, teilweise anders denken. Damit

entsteht viel Kreativität und das ist

eine starke Bereicherung.

focus: Gibt es einen Ratschlag, den

Sie sich zu Beginn Ihrer Karriere

gewünscht hätten?

Segura Carrasco: Am Anfang mei-

ner Karriere hätte ich vor allem

Bestärkung gebraucht: „Glaub‘ an

Dich! Trau Dich!“ Es ist wichtig,

dass dich jemand unterstützt, der

an dich glaubt.

Leitner: „Trau dich, Fragen zu stel-

len“, ist das, was mir dazu einfällt.

In meinen Anfängen hatte ich oft

mit eloquenten Kollegen zu tun,

und ich habe mir gedacht, das klingt

zwar richtig, ergibt aber keinen Sinn

für mich. Damals habe ich nicht ge-

wagt, Fragen zu stellen: Okay, wieso

ist es so? Oder: Wie kannst du das

argumentieren? Es hätte geholfen,

wenn mich jemand darin bestärkt

hätte, den Mut zu haben, meine Ge-

danken zu äußern. ���������������������������������������������������������������������������������������������

I N T E R V I E W

M A R I A S E G U R A C A R R A S C O studierte in Spanien

Mechanical Engineering mit einem Schwerpunkt in Verbrennungskraftmaschinen.

Danach absolvierte sie ein Masterstudium in erneuerbaren Energien. Sie startete

vor mehr als 22 Jahren als Development Engineer bei AVL, leitete das Team der

Kraftstoffeinspritzsysteme und ist seit 2020 Produkt Managerin und Key Account

Managerin für High Power Systems. Dort kümmert sie sich nicht nur ums Business

Development, sondern auch um Marktevaluierung und F&E-Planung in dem Bereich.

A N D R E A L E I T N E R studierte an der Technischen

Universität Graz. Nach ihrem Doktorat in Information and Communi-

cation Engineering startete sie vor neun Jahren in der Research-

Abteilung von The Virtual Vehicle Competence Center und wechselte

kurz darauf als Projektleiterin und Research Engineer zu AVL. Seit

Mai 2022 ist sie Head of Development ADAS/AD Testing Solutions,

wo es im Wesentlichen um Testsysteme für die Sicherheit rund ums

autonome Fahren geht.

Wie man das Tech-Interesse bereits bei

jungen Mädchen weckt, sich als Expertin

in Männerrunden durchsetzt und warum

es wichtig ist, dass Frauen bei Innovationen

und im Engineering-Bereich mitmischen,

beleuchten die AVL-Managerinnen, Maria

Segura Carrasco und Andrea Leitner.

focus: Welcher Moment hat Sie in Ihrer

Karriere am meisten geprägt? Worauf sind

Sie stolz?

Segura Carrasco: Als ich bei AVL mein erstes

Projekt als Projektleiterin durchführte und

beim Abschluss gesehen habe, wie zufrie-

den der Kunde war – das war ein richtiger

Wendepunkt in meiner Karriere. Später war

ich für das Team der Einspritzsysteme ver-

antwortlich; auch dort fand ich die Zusam-

menarbeit mit dem technischen Team sehr

gut. Seit 2019 bin ich Produkt Managerin

für High Power Systems - eine anspruchs-

volle, aber wunderbare Aufgabe.

Leitner: Als ich in der Forschungsabteilung

der AVL tätig war, von AVL koordiniertes,

europäisches Forschungsprojekt, bei dem

es um das Tema Absicherung und Testen

von automatisierten Fahrfunktionen ging.

Mein Chef hat mich gefragt, ob ich die Ge-

samtprojektkoordination übernehmen wür-

de. Zuerst habe ich überlegt, weil ich das

Tema zu wenig kannte. Außerdem war ich

Innovation mit

Frauenpower

sehr jung und hatte noch nie zuvor

ein Forschungsprojekt geleitet. Dann

dachte ich: Ich probiere es! Ich muss-

te 70 Partner aus höchst unterschied-

lichen Bereichen koordinieren und

wurde häufig zu Konferenzen einge-

laden, um das Projekt vorzustellen.

Am Ende war es ein toller Erfolg.

focus: Was müsste getan werden,

um mehr Mädchen für eine Tech-

Karriere zu ermutigen?

Segura Carrasco: Wir müssten früh,

im Kindergarten oder in der Volks-

Die Bedeutung und der Wert einer größeren Diversität

in der Tech-Industrie ist ein bekanntes Thema, dennoch

sind Frauen in technikorientierten Positionen immer

noch unterrepräsentiert.

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