AVL Focus - Ausgabe 2023

THE AVL MOBILITY TREND MAGAZINE - Nr. 1 2023

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interview

Deichmann spricht mit Focus

über die Treiber der automobilen

Software-Revolution

focus: Tesla hat das Over-the-

Air-Update-Modell (OTA) für Au-

tos eingeführt, mit dem signalisiert

wird, dass das Auto gewissermaßen

noch in Arbeit ist. Wird dieses Mo-

dell auch in der Geschäftswelt ton-

angebend sein?

Deichmann: Zu softwaredefinierten

Funktionen gibt es keine Alternati-

ve. Die europäischen Hersteller wa-

ren in der Vergangenheit durch ihre

Konfigurationspolitik sehr erfolg-

reich, bei der die Margen für Extras

wie Infotainmentsysteme mit großen

Bildschirmen und Premiumsitzen be-

sonders hoch waren. Im Software-

Zeitalter ist die Zahl der Varianten

so groß, dass wir an einem Punkt an-

gelangt sind, an dem die Komplexi-

tät nicht mehr beherrschbar ist. Hier

kommen OTA-Updates ins Spiel, die

helfen, die Anzahl der Hardware-Va-

rianten zu reduzieren, wenn ich das

Auto verkaufe. Der Kunde entschei-

det, welche Funktion er freischalten

möchte, und bezahlt dafür. Hinzu

kommt: Je mehr Software man im

Fahrzeug hat, desto mehr Komplexi-

tät gibt es. Wenn ich vermeiden will,

dass die Werkstätten überlastet wer-

den, brauchen OEMs OTA-Updates,

um sie zu reparieren.

focus: Erfordert das nicht einen ge-

waltigen Sinneswandel in der auf

Perfektion getrimmten deutschen

Autoindustrie?

Deichmann: Ja, aber die Branche

hat in den letzten zwei, drei Jah-

ren deutliche Fortschritte gemacht.

focus: Wie groß ist der weltweite

Markt für Automobilsoftware?

Deichmann: Unsere Studien zeigen,

dass der Markt bis 2030 auf 82 Mil-

liarden Dollar anwachsen wird. Das

ist ein durchschnittliches Wachs-

tum von 9 % pro Jahr – drei- bis

viermal schneller als der gesamte

Automobilmarkt. Aber die eigent-

liche Frage ist: Wie schafft Software

einen Mehrwert? Es gibt zum Bei-

spiel direkte Dienstleistungen wie

eine monatliche Gebühr für Ver-

kehrsdaten. Dieser Bereich war

vor fünf Jahren eine große Hoff-

nung und jetzt sehen wir, dass vie-

le Menschen sich diese Daten von

ihren Smartphones holen, wo die-

ser Dienst nicht direkt monetari-

siert wird. Aber bei Software geht es

auch um den Verkauf, und die Kun-

den erwarten, die Software zu „spü-

ren“. Wenn sich ein Auto wie ei-

ne Blechkiste anfühlt, wird es nicht

gekauft. In China wird dies durch

die Kundenbedürfnisse beschleu-

I N T E R V I E W  mit Johannes

Deichmann, Software-Experte bei

McKinsey Stuttgart, Deutschland

„Deutliche

Fortschritte“

© McKinsey