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interview
Deichmann spricht mit Focus
über die Treiber der automobilen
Software-Revolution
focus: Tesla hat das Over-the-
Air-Update-Modell (OTA) für Au-
tos eingeführt, mit dem signalisiert
wird, dass das Auto gewissermaßen
noch in Arbeit ist. Wird dieses Mo-
dell auch in der Geschäftswelt ton-
angebend sein?
Deichmann: Zu softwaredefinierten
Funktionen gibt es keine Alternati-
ve. Die europäischen Hersteller wa-
ren in der Vergangenheit durch ihre
Konfigurationspolitik sehr erfolg-
reich, bei der die Margen für Extras
wie Infotainmentsysteme mit großen
Bildschirmen und Premiumsitzen be-
sonders hoch waren. Im Software-
Zeitalter ist die Zahl der Varianten
so groß, dass wir an einem Punkt an-
gelangt sind, an dem die Komplexi-
tät nicht mehr beherrschbar ist. Hier
kommen OTA-Updates ins Spiel, die
helfen, die Anzahl der Hardware-Va-
rianten zu reduzieren, wenn ich das
Auto verkaufe. Der Kunde entschei-
det, welche Funktion er freischalten
möchte, und bezahlt dafür. Hinzu
kommt: Je mehr Software man im
Fahrzeug hat, desto mehr Komplexi-
tät gibt es. Wenn ich vermeiden will,
dass die Werkstätten überlastet wer-
den, brauchen OEMs OTA-Updates,
um sie zu reparieren.
focus: Erfordert das nicht einen ge-
waltigen Sinneswandel in der auf
Perfektion getrimmten deutschen
Autoindustrie?
Deichmann: Ja, aber die Branche
hat in den letzten zwei, drei Jah-
ren deutliche Fortschritte gemacht.
focus: Wie groß ist der weltweite
Markt für Automobilsoftware?
Deichmann: Unsere Studien zeigen,
dass der Markt bis 2030 auf 82 Mil-
liarden Dollar anwachsen wird. Das
ist ein durchschnittliches Wachs-
tum von 9 % pro Jahr – drei- bis
viermal schneller als der gesamte
Automobilmarkt. Aber die eigent-
liche Frage ist: Wie schafft Software
einen Mehrwert? Es gibt zum Bei-
spiel direkte Dienstleistungen wie
eine monatliche Gebühr für Ver-
kehrsdaten. Dieser Bereich war
vor fünf Jahren eine große Hoff-
nung und jetzt sehen wir, dass vie-
le Menschen sich diese Daten von
ihren Smartphones holen, wo die-
ser Dienst nicht direkt monetari-
siert wird. Aber bei Software geht es
auch um den Verkauf, und die Kun-
den erwarten, die Software zu „spü-
ren“. Wenn sich ein Auto wie ei-
ne Blechkiste anfühlt, wird es nicht
gekauft. In China wird dies durch
die Kundenbedürfnisse beschleu-
I N T E R V I E W mit Johannes
Deichmann, Software-Experte bei
McKinsey Stuttgart, Deutschland
„Deutliche
Fortschritte“
© McKinsey