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S P E C I A L : S O F T W A R E
interview
focus: Software verändert die Ei-
genschaften von Fahrzeugen, stellt
die Automobilhersteller aber auch
vor neue Herausforderungen bei
der Entwicklung. Welche Rolle
spielt AVL als Anbieter von Mo-
bilitätstechnologie in der neuen
Ära der Automobilsoftware?
List: Heutzutage haben alle OEMs
große Softwareentwicklungsorga-
nisationen. Sie arbeiten jedoch alle
unterschiedlich: Einige OEMs, wie
z.B. Tesla, bevorzugen es, alles intern
zu machen, während andere selek-
tiv auslagern oder Partnerschaften
mit verschiedenen Softwareanbie-
tern eingehen. Da Software immer
allgegenwärtiger, in einigen Fällen
strategischer und insgesamt ein grö-
ßerer Teil der Wertschöpfung wird,
definieren die OEMs ihre Koope-
rationsmodelle mit Entwicklungs-
partnern wie AVL neu. Das war
bereits beim Motor der Fall. Vie-
le Hersteller betrachteten den Mo-
tor als das Herzstück des Fahrzeugs,
weshalb externe Entwickler kaum
ins Spiel kamen. Diese Haltung hat
sich in den letzten Jahrzehnten ge-
ändert und wird auch bei der Soft-
ware eintreten.
focus: Software ist in alle Funktio-
nen des Autos präsent. Kann ein
Unternehmen wie AVL, das aus
der Motorenentwicklung kommt,
in diesem Bereich erfolgreich sein?
List: Auf jeden Fall. Wir sind in den
letzten zwei Jahrzehnten schon ein
gutes Stück vorangekommen. Wir
haben unser Know-how schon im-
mer auf neue Technologien kon-
zentriert. Das ist unsere Strategie
und unser modus operandi. AVL
verfügt über langjährige Erfahrung
in der Entwicklung von Antriebs-
systemen und deren Integration in
Fahrzeuge. Damit haben wir kon-
tinuierlich flexible und modulare
Software für ausgereifte Systemar-
chitekturen entwickelt. So waren
und sind zum Beispiel die Antriebs-
strangsteuerungen ein wichtiger Teil
der Fahrzeugsoftware. Sie sorgen
für Komfort und Energieeffizienz
während der Fahrt oder bieten be-
stimmte Sicherheitsfunktionen wie
Torque Vectoring. Durch unser Ver-
ständnis der Softwarearchitektur im
Fahrzeug konnten wir unser Fach-
wissen auf andere Systeme auswei-
ten. Die Bereiche ADAS, Fahrwerk
und Thermal Management sind gu-
te Beispiele für einen solchen wich-
tigen Schritt.
focus: Inwiefern haben Sie schon
Schritte in diese Richtung gemacht?
List: Insofern, dass wir bereits rund
3.000 Software-ExpertInnen be-
schäftigen und weltweit mehr als
zwanzig Software-Entwicklungs-
und Support-Zentren betreiben.
Unsere Software-IngenieurInnen
arbeiten an der Software im Auto,
der sogenannten Embedded Soft-
ware, sowie an Software-Lösungen,
die helfen, die Komplexität im Ent-
wicklungsprozess zu reduzieren. Si-
mulation und Virtualisierung sind
dabei ein wichtiger Bestandteil. Üb-
rigens: Die Simulation in der au-
tomobilen Produktentwicklung ist
bereits tief in den Prozessen veran-
kert, um sie schnell und effizient zu
gestalten. Aber sie ist dabei, einen
Schritt weiter zu gehen und zum
„Automotive Metaverse“ zu werden.
focus: Was bedeutet das? Gibt es da-
für Beispiele?
List: Mixed Reality ist bereits Re-
alität. Wir konnten das kürzlich
mit einem Rennfahrer demonstrie-
ren, der in Graz in einem Simula-
tor saß, aber 100 km entfernt am
Österreichring ein elektrisches E-
DTM-Auto in Echtzeit steuerte.
Warum sollte Mixed Reality dann
nicht auch das Verbrauchererlebnis
bereichern können? Intuitiv macht
es Sinn. Wir werden mit Augmen-
ted Reality fahren, um mehr Si-
cherheit oder Komfort zu gewin-
nen. Wir als AVL werden in diesem
neuen Bereich zwar sicherlich keine
Medieninhalte liefern, aber im Hin-
tergrund als Vermittler von innova-
tiven Technologielösungen agieren.
In diesem Sinne hat Software einen
anderen Stellenwert.
focus: Warum sollte ich als Soft-
ware-Talent zu AVL gehen und
nicht zu Google oder Tesla?
List: Bei AVL sammeln Sie vielseitige
Erfahrungen, da unser Portfolio breit
gefächert ist. Das ermöglicht es unse-
ren MitarbeiterInnen, verschiedene
Technologiethemen zu erforschen.
Es ist also die Vielfalt der endlosen
Möglichkeiten: In einem Projekt ar-
beiten wir vielleicht für einen chine-
sischen Hersteller, im nächsten für
einen Sportwagenhersteller oder ein
Start-up. Wir bieten unseren Mitar-
beiterInnen einen einzigartigen Ort
für Innovation, um mit starkem Pi-
oniergeist die Technologien der Zu-
kunft mitzugestalten.