AVL Focus - Ausgabe 2023

THE AVL MOBILITY TREND MAGAZINE - Nr. 1 2023

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S P E C I A L : S O F T W A R E

interview

focus: Software verändert die Ei-

genschaften von Fahrzeugen, stellt

die Automobilhersteller aber auch

vor neue Herausforderungen bei

der Entwicklung. Welche Rolle

spielt AVL als Anbieter von Mo-

bilitätstechnologie in der neuen

Ära der Automobilsoftware?

List: Heutzutage haben alle OEMs

große Softwareentwicklungsorga-

nisationen. Sie arbeiten jedoch alle

unterschiedlich: Einige OEMs, wie

z.B. Tesla, bevorzugen es, alles intern

zu machen, während andere selek-

tiv auslagern oder Partnerschaften

mit verschiedenen Softwareanbie-

tern eingehen. Da Software immer

allgegenwärtiger, in einigen Fällen

strategischer und insgesamt ein grö-

ßerer Teil der Wertschöpfung wird,

definieren die OEMs ihre Koope-

rationsmodelle mit Entwicklungs-

partnern wie AVL neu. Das war

bereits beim Motor der Fall. Vie-

le Hersteller betrachteten den Mo-

tor als das Herzstück des Fahrzeugs,

weshalb externe Entwickler kaum

ins Spiel kamen. Diese Haltung hat

sich in den letzten Jahrzehnten ge-

ändert und wird auch bei der Soft-

ware eintreten.

focus: Software ist in alle Funktio-

nen des Autos präsent. Kann ein

Unternehmen wie AVL, das aus

der Motorenentwicklung kommt,

in diesem Bereich erfolgreich sein?

List: Auf jeden Fall. Wir sind in den

letzten zwei Jahrzehnten schon ein

gutes Stück vorangekommen. Wir

haben unser Know-how schon im-

mer auf neue Technologien kon-

zentriert. Das ist unsere Strategie

und unser modus operandi. AVL

verfügt über langjährige Erfahrung

in der Entwicklung von Antriebs-

systemen und deren Integration in

Fahrzeuge. Damit haben wir kon-

tinuierlich flexible und modulare

Software für ausgereifte Systemar-

chitekturen entwickelt. So waren

und sind zum Beispiel die Antriebs-

strangsteuerungen ein wichtiger Teil

der Fahrzeugsoftware. Sie sorgen

für Komfort und Energieeffizienz

während der Fahrt oder bieten be-

stimmte Sicherheitsfunktionen wie

Torque Vectoring. Durch unser Ver-

ständnis der Softwarearchitektur im

Fahrzeug konnten wir unser Fach-

wissen auf andere Systeme auswei-

ten. Die Bereiche ADAS, Fahrwerk

und Thermal Management sind gu-

te Beispiele für einen solchen wich-

tigen Schritt.

focus: Inwiefern haben Sie schon

Schritte in diese Richtung gemacht?

List: Insofern, dass wir bereits rund

3.000 Software-ExpertInnen be-

schäftigen und weltweit mehr als

zwanzig Software-Entwicklungs-

und Support-Zentren betreiben.

Unsere Software-IngenieurInnen

arbeiten an der Software im Auto,

der sogenannten Embedded Soft-

ware, sowie an Software-Lösungen,

die helfen, die Komplexität im Ent-

wicklungsprozess zu reduzieren. Si-

mulation und Virtualisierung sind

dabei ein wichtiger Bestandteil. Üb-

rigens: Die Simulation in der au-

tomobilen Produktentwicklung ist

bereits tief in den Prozessen veran-

kert, um sie schnell und effizient zu

gestalten. Aber sie ist dabei, einen

Schritt weiter zu gehen und zum

„Automotive Metaverse“ zu werden.

focus: Was bedeutet das? Gibt es da-

für Beispiele?

List: Mixed Reality ist bereits Re-

alität. Wir konnten das kürzlich

mit einem Rennfahrer demonstrie-

ren, der in Graz in einem Simula-

tor saß, aber 100 km entfernt am

Österreichring ein elektrisches E-

DTM-Auto in Echtzeit steuerte.

Warum sollte Mixed Reality dann

nicht auch das Verbrauchererlebnis

bereichern können? Intuitiv macht

es Sinn. Wir werden mit Augmen-

ted Reality fahren, um mehr Si-

cherheit oder Komfort zu gewin-

nen. Wir als AVL werden in diesem

neuen Bereich zwar sicherlich keine

Medieninhalte liefern, aber im Hin-

tergrund als Vermittler von innova-

tiven Technologielösungen agieren.

In diesem Sinne hat Software einen

anderen Stellenwert.

focus: Warum sollte ich als Soft-

ware-Talent zu AVL gehen und

nicht zu Google oder Tesla?

List: Bei AVL sammeln Sie vielseitige

Erfahrungen, da unser Portfolio breit

gefächert ist. Das ermöglicht es unse-

ren MitarbeiterInnen, verschiedene

Technologiethemen zu erforschen.

Es ist also die Vielfalt der endlosen

Möglichkeiten: In einem Projekt ar-

beiten wir vielleicht für einen chine-

sischen Hersteller, im nächsten für

einen Sportwagenhersteller oder ein

Start-up. Wir bieten unseren Mitar-

beiterInnen einen einzigartigen Ort

für Innovation, um mit starkem Pi-

oniergeist die Technologien der Zu-

kunft mitzugestalten.