AVL DRIVINGCUBE™
S P E C I A L : S O F T W A R E
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adas/ad
GROSSE SPRÜNGE VORWÄRTS
Heute auf dem Markt erhältliche Fahrzeuge haben in der Regel
ADAS-Systeme, die bis zum Level 2 oder Level 2+ gehen. Mer-
cedes hat seit 2022 als erster Autohersteller ein zugelassenes
Level-3-Angebot auf dem Markt, bei dem sich der Fahrer vom
Verkehr abwenden darf, aber in der Lage sein muss, auf Anforde-
rung durch das System kurzfristig das Steuer zu übernehmen.
Der entscheidende Punkt: Ab Level-3 haftet nun der Hersteller
und nicht der Fahrer, wenn das Fahrzeug vom rechten Weg
abkommt und das System noch aktiviert ist. Das ist ein bedeu-
tender Sprung in Richtung vollautonomes Fahren (Level 5). Einen
„starken Boost“ für die Branche hat die seit Juli gültige GSR2-
Richtlinie (General Safety Regulation) gebracht, sagt ADAS/
AD-Experte Andrea Conti. Bei Level-3 werden in Kürze weitere
Anwendungsfälle erwartet, sobald der rechtliche Rahmen dafür
da ist. Die OEMs bereiten sich fieberhaft mit umfassenden Tests
darauf vor. Im Lkw-Bereich sind bereits Level-4-Funktionen in
Reichweite, die ganze Flotten 24/7 auf Autobahnen autonom
fahren lassen könnten.
holistischen Modell“ betrachtet und
berücksichtigt, erklärt Conti. AVL
entwickelt, simuliert und testet neue
ADAS/AD-Lösungen und greift da-
bei auf ein einzigartiges Know-how
im Zusammenspiel von Sensorik,
Aktuatorik und Fahrzeug zurück. Es
geht hierbei nicht nur um den the-
oretischen Input, sondern auch dar-
um, die Lösungen auf die Straße zu
bringen – das Spektrum reicht vom
Schnittstellenmanagement mit an-
deren Komponenten hin zur Vorbe-
reitung zur behördlichen Zertifizie-
rung. Conti: „Wir stellen nicht bloß
das Wissen unserer IngenieurInnen
zur Verfügung, sondern arbeiten
nach einem ganzheitlichen Ansatz.“
Warum aber suchen Kunden gezielt
Lösungen eines Unternehmens, das
historisch vom Verbrennungsmotor
kommt? Hier punktet AVL mit dem
über Jahrzehnte aufgebauten exzel-
lente Engineering-Know-how sowie
der globalen Präsenz in der Automo-
bilindustrie. Denn eine Software, die
eine Fahrfunktion unterstützt, wird
sehr selten nur für einen einzigen
Markt entwickelt. „Wir wissen durch
unsere weltweiten Standorte um die
Gegebenheiten in vielen Märkten
und können hier gezielt Hilfestel-
lung bieten“, erklärt Conti. Hier-
zu profitieren unsere Kunden von
den Synergien unserer Geschäftsbe-
reiche Engineering, Simulation und
Testen. Insbesondere beim Sprung
in Level-3-, Level-4- und Level-
5-Funktionen (siehe Box) ist das ein
entscheidender Wettbewerbsvorteil.
„Automobilhersteller wollen ‚mit ei-
nem ruhigen Gewissen schlafen ge-
hen‘, wenn sie in die Haftung für au-
tonome Fahrsysteme gehen“, drückt
es der Experte pointiert aus.
Daneben spielt auch Cybersecurity
eine Schlüsselrolle bei der Weiter-
entwicklung von ADAS/AD-Funk-
tionen. Die Fahrfunktionen, bisher
auf viele Steuergeräte verteilt, werden
mehr und mehr auf wenige hochper-
formante Rechner in einer „Zone-
Architektur“ zentralisiert, mit einem
zentralen Rechner als Schnittstel-
le zur Außenwelt. Dafür braucht es
Sicherheitsvorkehrungen. AVL bie-
tet – teilweise in Kooperation mit
Partnern – Lösungen zur Evaluie-
rung der potenziellen Schlupflöcher
und Schwachstellen, etwa bei Über-
tragung von cV2X. „Wir werden als
unabhängiges Unternehmen bei-
spielsweise beauftragt, gezielt nach
Schwachstellen zu suchen.“ Nach-
satz: „Hierbei handelt es sich natür-
lich um sensible Themen. Eine un-
entdeckte Schwachstelle kann zu
einem großen Schaden führen.“
Trotz aller neuen Risiken: Das über-
geordnete Ziel automatisierter und
autonomer Systeme bleibt es, Unfäl-
le im Straßenverkehr zu reduzieren.
Und je stärker diese Systeme im Vor-
marsch sind, „umso notwendiger ist
es, mit Partnern wie AVL zusammen
zu arbeiten,“ betont Conti. Persön-
lich freut er sich bereits auf autono-
me Transportfahrzeuge mit Level-
4-Funktionen im innerstädtischen
Bereich, die man per App bestellen
kann. „Mit 70 oder 80 Jahren möch-
te ich mit dem neuen Mobilitätsser-
vice in Ruhe meine Enkel besuchen.“