AVL Focus - Ausgabe 2023

THE AVL MOBILITY TREND MAGAZINE - Nr. 1 2023

AVL DRIVINGCUBE™

S P E C I A L : S O F T W A R E

4 7

N O . 1 2 0 2 3

adas/ad

GROSSE SPRÜNGE VORWÄRTS

Heute auf dem Markt erhältliche Fahrzeuge haben in der Regel

ADAS-Systeme, die bis zum Level 2 oder Level 2+ gehen. Mer-

cedes hat seit 2022 als erster Autohersteller ein zugelassenes

Level-3-Angebot auf dem Markt, bei dem sich der Fahrer vom

Verkehr abwenden darf, aber in der Lage sein muss, auf Anforde-

rung durch das System kurzfristig das Steuer zu übernehmen.

Der entscheidende Punkt: Ab Level-3 haftet nun der Hersteller

und nicht der Fahrer, wenn das Fahrzeug vom rechten Weg

abkommt und das System noch aktiviert ist. Das ist ein bedeu-

tender Sprung in Richtung vollautonomes Fahren (Level 5). Einen

„starken Boost“ für die Branche hat die seit Juli gültige GSR2-

Richtlinie (General Safety Regulation) gebracht, sagt ADAS/

AD-Experte Andrea Conti. Bei Level-3 werden in Kürze weitere

Anwendungsfälle erwartet, sobald der rechtliche Rahmen dafür

da ist. Die OEMs bereiten sich fieberhaft mit umfassenden Tests

darauf vor. Im Lkw-Bereich sind bereits Level-4-Funktionen in

Reichweite, die ganze Flotten 24/7 auf Autobahnen autonom

fahren lassen könnten.

holistischen Modell“ betrachtet und

berücksichtigt, erklärt Conti. AVL

entwickelt, simuliert und testet neue

ADAS/AD-Lösungen und greift da-

bei auf ein einzigartiges Know-how

im Zusammenspiel von Sensorik,

Aktuatorik und Fahrzeug zurück. Es

geht hierbei nicht nur um den the-

oretischen Input, sondern auch dar-

um, die Lösungen auf die Straße zu

bringen – das Spektrum reicht vom

Schnittstellenmanagement mit an-

deren Komponenten hin zur Vorbe-

reitung zur behördlichen Zertifizie-

rung. Conti: „Wir stellen nicht bloß

das Wissen unserer IngenieurInnen

zur Verfügung, sondern arbeiten

nach einem ganzheitlichen Ansatz.“

Warum aber suchen Kunden gezielt

Lösungen eines Unternehmens, das

historisch vom Verbrennungsmotor

kommt? Hier punktet AVL mit dem

über Jahrzehnte aufgebauten exzel-

lente Engineering-Know-how sowie

der globalen Präsenz in der Automo-

bilindustrie. Denn eine Software, die

eine Fahrfunktion unterstützt, wird

sehr selten nur für einen einzigen

Markt entwickelt. „Wir wissen durch

unsere weltweiten Standorte um die

Gegebenheiten in vielen Märkten

und können hier gezielt Hilfestel-

lung bieten“, erklärt Conti. Hier-

zu profitieren unsere Kunden von

den Synergien unserer Geschäftsbe-

reiche Engineering, Simulation und

Testen. Insbesondere beim Sprung

in Level-3-, Level-4- und Level-

5-Funktionen (siehe Box) ist das ein

entscheidender Wettbewerbsvorteil.

„Automobilhersteller wollen ‚mit ei-

nem ruhigen Gewissen schlafen ge-

hen‘, wenn sie in die Haftung für au-

tonome Fahrsysteme gehen“, drückt

es der Experte pointiert aus.

Daneben spielt auch Cybersecurity

eine Schlüsselrolle bei der Weiter-

entwicklung von ADAS/AD-Funk-

tionen. Die Fahrfunktionen, bisher

auf viele Steuergeräte verteilt, werden

mehr und mehr auf wenige hochper-

formante Rechner in einer „Zone-

Architektur“ zentralisiert, mit einem

zentralen Rechner als Schnittstel-

le zur Außenwelt. Dafür braucht es

Sicherheitsvorkehrungen. AVL bie-

tet – teilweise in Kooperation mit

Partnern – Lösungen zur Evaluie-

rung der potenziellen Schlupflöcher

und Schwachstellen, etwa bei Über-

tragung von cV2X. „Wir werden als

unabhängiges Unternehmen bei-

spielsweise beauftragt, gezielt nach

Schwachstellen zu suchen.“ Nach-

satz: „Hierbei handelt es sich natür-

lich um sensible Themen. Eine un-

entdeckte Schwachstelle kann zu

einem großen Schaden führen.“

Trotz aller neuen Risiken: Das über-

geordnete Ziel automatisierter und

autonomer Systeme bleibt es, Unfäl-

le im Straßenverkehr zu reduzieren.

Und je stärker diese Systeme im Vor-

marsch sind, „umso notwendiger ist

es, mit Partnern wie AVL zusammen

zu arbeiten,“ betont Conti. Persön-

lich freut er sich bereits auf autono-

me Transportfahrzeuge mit Level-

4-Funktionen im innerstädtischen

Bereich, die man per App bestellen

kann. „Mit 70 oder 80 Jahren möch-

te ich mit dem neuen Mobilitätsser-

vice in Ruhe meine Enkel besuchen.“