wasserstoff und brennstoffzelle
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I N T E R V I E W
mit Jorgo
Chatzimarkakis,
CEO Hydrogen
Europe
focus: Welche Rolle wird Was-
serstoff bei den europäischen Net-
to-Null-Emissionszielen für 2050
spielen und wo sehen Sie das größ-
te Potenzial?
Chatzimarkakis: Wasserstoff aus er-
neuerbaren und kohlenstoffarmen
Quellen ist auf gutem Weg, eine
wichtige Rolle bei der Erreichung
der europäischen Netto-Null-Emis-
sionsziele für 2050 zu spielen. Der
REPowerEU-Plan beabsichtigt,
bis 2030 10 Mio. t grünen Was-
serstoff selbst zu produzieren so-
wie 10 Mio. t grünen Wasserstoff
zu importieren. Dadurch wird die
Energieversorgung Europas gesi-
chert und diversifiziert, indem fossi-
le Brennstoffe und seltene Rohstoffe
ersetzt werden. Haupteinsatzgebie-
te sind der Energiesektor, die De-
karbonisierung von Industriezwei-
gen wie Stahl und Zement sowie
der Schwerlastverkehr auf Straße,
Schiene, zu Wasser und in der Luft.
Und es gibt noch weitere Möglich-
keiten, wie Wasserstoff zu einer
Netto-Nullbilanz beitragen kann.
focus: Wie sehen Sie die aktuellen
und zukünftigen Entwicklungen
auf dem Wasserstoffmarkt und wel-
che Rolle spielt Hydrogen Europe?
Chatzimarkakis: Unsere Aufgabe be-
steht darin, politische Maßnahmen
und Initiativen zu fördern, die die
Entwicklung europäischer und glo-
baler Wasserstofftechnologien und
sauberer Wasserstoffmärkte stär-
ken sowie die Förderung von For-
schung, Entwicklung und Innova-
tion in der Wasserstofftechnologie
zu koordinieren.
Europa könnte der Geburtsort der
globalen Wasserstoffwirtschaft sein,
an dem Wasserstoff über Grenzen
und Meere hinweg über Pipelines
und Schiffe gehandelt wird. Die EU
ist weltweit führend in der Wasser-
stofftechnologie, und europäische
Unternehmen treiben die Innovati-
on voran. Wenn Europa jedoch an
der Spitze des globalen Wasserstoff-
sektors bleiben will, muss es han-
deln, um die Gesetzgebung zu finali-
sieren und den Investoren Sicherheit
zu geben. Proaktives und rechtzeiti-
ges Handeln wird uns einen Wettbe-
werbsvorteil gegenüber Ländern wie
China oder den USA verschaffen,
die im Rahmen ihres Inflation Re-
duction Act Anreizsysteme für Was-
serstoff eingeführt haben.
focus: Welchen Einfluss wird das
neue AVL Testzentrum auf die
Industrialisierung der Wasser-
stoff- und Brennstoffzellentech-
nologie haben?
Chatzimarkakis: Das neue Zentrum
ist eines der größten und moderns-
ten Testzentren für Brennstoffzellen
und Elektrolysesysteme weltweit.
Es kann zahlreiche Komponen-
ten entlang der Wasserstoff-Wert-
schöpfungskette testen und damit
der gesamten Branche dringend be-
nötigte Testkapazitäten zur Verfü-
gung stellen.
• 600 m2 große Anlage mit einer Kapazität von
bis zu 20 Prüfständen
• Gesamtkapazität bis zu 2 MW
• Modernste Prüfstände für PEM-Systeme mit
einer Leistung von bis zu 400 kW
• System-, Subsystem- und Komponententests
für Festoxid-Brennstoffzellen (SOFC), Festoxid-
Elektrolysezellen (SOEC) und PEM-Elektrolyse
Center Platz für Tests von leichten, mittleren und schweren
Fahrzeuganwendungen sowie von Systemen zur stationären
Stromerzeugung. Die Anlage ist bereits jetzt für künftige
Anforderungen ausgelegt. Darüber hinaus verfügt die An-
lage über einen Kontroll- und Servicebereich mit automati-
sierten, ferngesteuerten Prüfständen. Diese laufen auf dem
AVL PUMA 2™-Automatisierungssystem und gewährleis-
ten genaue Tests, Sicherheit, Zuverlässigkeit und Wieder-
holbarkeit. Die Anlage deckt alle entwicklungsbezogenen
Testverfahren ab – von der Leistungscharakterisierung und
Modellvalidierung über Dauerhaltbarkeitsprüfungen bis
hin zu Regelungsoptimierungen mittels AVL CAMEO™.
ENGAGEMENT FÜR DIE ZUKUNFT
Mit diesem Zentrum setzen wir ein Zeichen für den Ein-
satz dieser neuen Technologien in vielen Sektoren, dar-
unter in der Schifffahrt, im Schienenverkehr, in der Luft-
fahrt, bei der stationären Stromerzeugung und bei der
effizienten Wasserstofferzeugung. Dank der umfangrei-
chen Wasserstoffinfrastruktur kann das Zentrum auch
für die Weiterentwicklung von Technologien zur Was-
serstoffversorgung genutzt werden. Das Projekt ist eines
der größten Bauvorhaben der jüngeren Unternehmens-
geschichte von AVL. Neben dem Zentrum in Graz un-
terhält AVL noch ein ebenfalls neu errichtetes Fuel Cell
Test Center in Kanada, ein weiteres Fuel Cell Test Cen-
ter in Ungarn ist gerade im Entstehen.
Fakten zum AVL Hydrogen
and Fuel Cell Test Center
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