AVL Focus - 75 Jahre Sonderausgabe

THE AVL MOBILITY TREND MAGAZINE - 2023

Warum braucht das Software-definierte Fahrzeug mehr Tempo

in der Softwareentwicklung? Und wie lässt sich das erreichen?

Dr. Daniel Lueddecke, Senior Software-Defined Vehicle Ecosystem

Manager bei Microsoft, hat Antworten.

Wie wirkt sich das Software-definierte Fahrzeug auf den

Entwicklungs- und Validierungsprozess aus?

Im Kern geht es darum, das Zentrum der Kundenerfahrung

von der Hardware auf die Software zu verlagern. Damit

wächst auch der Wunsch der Kund:innen nach regelmäßigen

Software-­Updates. Es braucht also Entwicklungs- und Vali-

dierungsprozesse, die Software deutlich schneller als bisher

entstehen lassen – ohne Abstriche bei der Qualität.

Welche Herausforderungen gibt es zu bewältigen?

Der Validierungsprozess wird meist am Ende angestellt, statt

als integraler Bestandteil des Entwicklungsprozesses gedacht

zu werden. Außerdem setzen die etablierten Validierungspro-

zesse oft auf reale Hardware. Das alles führt zu hohen Ent-

wicklungskosten und zu SOP-Verschiebungen. Es muss uns

nun allen gemeinsam gelingen, den Validierungsteil deutlich

nach vorn zu verlagern.

Wie wichtig ist Open Source?

Die Herausforderungen lassen sich nur im Zusammenspiel

vieler Beteiligter lösen. Gemeinsam mit anderen Unternehmen

bündeln wir unsere Beiträge zu Software-definierten Fahrzeu-

gen in der „Eclipse Software-Defined Vehicle Working Group“.

Das bietet uns die Chance, nicht nur auf Spezifikationsebene

Lösungen zu erarbeiten, sondern diese direkt auch gemeinsam

zu implementieren – wir nennen das „Code First“. Basierend

auf diesen Open-Source-Komponenten können dann kommer-

zielle Lösungen entwickelt und vermarktet werden.

Warum gehen AVL und Microsoft hier einen gemeinsamen

Weg?

Hardwaretests sind sehr zeitintensiv und teuer. Sie sind zwar

nicht gänzlich wegzudenken, müssen aber deutlich reduziert

werden, indem man einen Großteil von ihnen in eine virtuelle

Umgebung verlagert. Diese virtualisierten Testumgebungen

lassen sich deutlich besser skalieren. Und man kann sogar auf

virtualisierter Hardware testen, die noch gar nicht real existiert.

Das Know-how von AVL in puncto Test und Validierung ist eine

hervorragende Ausgangsbasis, um die Herausforderungen

in diesen Bereichen anzugehen. In Kombination mit unserer

Expertise, hochskalierbare und sichere Systeme zu entwerfen,

schaffen wir einen sofortigen Nutzen für unsere gemeinsamen

Kund:innen.

Aktuell arbeiten wir zusammen mit AVL an der Entwicklung

neuer, skalierbarer DevOps-Lösungen, um Software-Tests

möglichst früh und vollautomatisch in virtualisierten Umge-

bungen durchzuführen und zu orchestrieren. Software-Versio-

nen, Testfälle und Digitale Zwillinge der Hardware werden zu

individuellen Konfigurationen zusammengeführt und automa-

tisiert in der Cloud validiert.

Ein Blick in die Zukunft …

Software-definierte Fahrzeuge sind bereits heute Realität.

Bisher lagen aber meist Jahre zwischen dem Einsatz neuer

Software-Versionen in Fahrzeugen. Damit gingen langwierige

Validierungszyklen einher. Dieses Schema gilt es zu durchbre-

chen. Wir brauchen Prozesse und Tools, die Entwicklungs- und

Validierungsprozesse deutlich nach vorn verlagern. Kürzere

Release-Zyklen werden uns kürzere Validierungszyklen erlau-

ben und den Gesamtprozess straffen.

Interview mit

Dr. Daniel Lueddecke

SONDERAUSGABE