AVL Focus - 75 Jahre Sonderausgabe

THE AVL MOBILITY TREND MAGAZINE - 2023

4014, verbunden mit dem UNIVAC-Rechner der TU Graz, oder

die Installation eines VAX-11/780-Rechners stehen stellver-

tretend für diese Ära. Statt aufwändig Lochkarten zu stanzen,

gab es nun Terminals mit kleinen alphanumerischen Bildschir-

men zur Bedienung der neuen Computer-Generation. „Das war

der Einstieg in die Demokratisierung der Anwendung von an-

spruchsvoller Simulationssoftware“, beschreibt Dr. Rainer. Mit

neuen Generationen von Supercomputern wie beispielsweise

CONVEX oder CRAY wuchsen die Möglichkeiten. Die Simulati-

onsmodelle wurden ausgereifter. Wichtige Impulsgeber waren

die strömungsmechanischen Berechnungen (mit AVL FIRE™)

und die motordynamischen Berechnungen (mit AVL EXCITE™),

die durch die neue Rechnergeneration erst wirtschaftlich sinn-

voll wurden. Vor allem die zunächst für den internen Gebrauch

entwickelte Software zur Simulation von Verbrennungsvorgän-

gen stieß auf große Resonanz.

Der Beginn der beschleunigten Entwicklung

Der Start des neuen Geschäftsbereichs war herausfordernd,

denn „bis auf FIRE hatten wir 1996 noch keine wirklich markt-

reife Software“, räumt Dr. Rainer ein. Das änderte sich schnell:

Die Mechanik-, Strömungs-, Thermodynamik- und Einspritz-

system-Software wurden zusammengeführt; mit Beginn des

neuen Jahrtausends kam auch das CRUISE-Entwicklungs-

projekt für Fahrleistungs- und Verbrauchsberechnung zur

Marktreife. AVL EXCITE™ etablierte sich als Marktführer für

Motor-Dynamik-Simulation. Der Einstieg in die echtzeitfähige

Systemsimulation ab ca. 2008 erweiterte die Anwendung in

den Prüfstandsbereich hinein.

Parallel zur Entwicklung der Produkte wurden die notwendigen

Vertriebs- und Servicestrukturen aufgebaut: Ab 1996 ent-

standen innerhalb von wenigen Jahren Büros von Advanced

Simulation Technologies in Slowenien, Kroatien, Japan, Korea,

den USA, China, Deutschland, Indien und Russland. Vor allem

das Wachstum des Asiengeschäftes ist laut Gotthard Rainer

ein entscheidender Faktor für den Erfolg: „Japan war von An-

fang an sehr simulationsorientiert und wurde daher schnell

zu einem unserer stärksten Absatzmärkte. Die erste Lizenz

der Strömungssoftware haben wir dort bereits 1987 an einen

großen japanischen Automobilhersteller verkauft.“ Dieser

Automobilhersteller ist auch heute noch ein wichtiger Kunde

und wendet AVL-Simulations-Software breit an, was auf zwei

wichtigen Erfolgsfaktoren beruht: langjährige Kundenbezie-

hungen und erfahrene Mitarbeiter:innen – wie Roland Wanker

ausführt, der im Jahr 2000 in dem Geschäftsbereich anfing

und ihn seit 2019 leitet.

Umfassendes Simulationsangebot

Das Simulations-Portfolio hat sich in den letzten 20 Jahren mit

dem Wandel der Mobilität stark erweitert. Gesamtfahrzeug­

simulation, E-Mobilität, ADAS/AD, Simulation as a Service –

heute bietet der Geschäftsbereich eine umfassende Palette

für ein immer breiteres Portfolio an Anwendungsfällen. Dabei

stellt Roland Wanker eine Fortsetzung der angesprochenen

„Demokratisierung“ fest: „Früher gab es auf Kundenseite

Expert:innen, die sich tief in die Struktur einer Software ein-

gearbeitet haben. Heute hingegen müssen Softwareprodukte

immer benutzerfreundlicher und intuitiver bedienbar sein. Ein

Quantensprung in Richtung Integration und Anwenderfreund-

lichkeit wurde durch die vollständige Integration aller Produkte

in eine gemeinsame Benutzeroberfläche erzielt.“

Gewappnet für kommende Herausforderungen

Für die Zukunft prognostiziert Roland Wanker einen noch

grundlegenderen Wandel als mit dem Aufkommen des Inter-

nets. Die Entwicklung in der Automobilindustrie steht unter

enormem Zeit- und Kostendruck. Angesichts dieser Treiber

gewinnen Simulationen immer mehr an Bedeutung. Der Virtu-

elle Zwilling wird zum zentralen Element in allen Entwicklungs-

phasen. Dabei wird auch künstliche Intelligenz (KI) eine immer

wichtigere Rolle spielen. Aufwändige Simulationen (z.B. in der

Mehrkörperdynamik) könnten schon bald KI-gestützt aufge-

setzt und ausgewertet werden – mit entsprechenden Empfeh-

lungen für die Verbesserung des Designs. Eine der zentralen

Herausforderungen der Zukunft wird es sein, auch im Kontext

von KI eine Führungsrolle einzunehmen, um mit dem Angebot

im Markt attraktiv zu bleiben.

Roland Wanker: „Wir müssen auch intern die Demokratisie-

rung der Simulation weiter vorantreiben. Dafür müssen wir

Genauigkeit in den Ergebnissen der Simulation mit Einfachheit,

Effizienz und Robustheit in deren Anwendung beim Kunden

zusammenbringen. Das ist unser Markenkern, unsere DNA.“

Dr. Roland

Wanker

Dr. Gotthard

Rainer

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