AVL Focus - 75 Jahre Sonderausgabe

THE AVL MOBILITY TREND MAGAZINE - 2023

einigen alten Dynos, die er während seiner Zeit in China für

seine Forschungen verwendete. Seine Lehrbücher sind ins Chi-

nesische übersetzt worden. Und alle, die hier Automobiltechnik

studieren, wissen um die Leistungen von Prof. Hans List sowie

um die Beiträge, die AVL unter der Leitung von Prof. Helmut

List für den chinesischen Automobilsektor erbracht hat.

Als langjähriger Kenner der chinesischen Automobilindustrie –

was sind für Sie die bemerkenswertesten Entwicklungen?

Als ich nach China kam, gab es nur wenige Autos auf den

Straßen. Alle fuhren Fahrrad. Ab dem Jahr 2000 änderte sich

das grundlegend. Die Regierung hatte beschlossen, eine wett-

bewerbsfähige Automobilindustrie aufzubauen. Viele aus-

ländische Unternehmen kamen ins Land und investierten. Der

Markt boomte und für AVL gab es reichlich zu tun. 2010 folgte

der nächste Paradigmenwechsel: Den politischen Entschei-

dungsträgern in China war klar, dass sie den Vorsprung der

Europäer, Japaner und Amerikaner bei den traditionellen Ver-

brennungsmotoren nicht so schnell aufholen konnten. Daher

haben sie ihre Investitionsprioritäten und ihre Industrie­politik

auf Elektrifizierung, ADAS/AD und Brennstoffzellenanwen-

dungen ausgerichtet. Alle dahingehenden Aktivitäten werden

vom chinesischen Staat auf nationaler und lokaler Ebene stark

gefördert. Wir bei AVL haben das antizipiert und uns mit unse-

rem globalen Netzwerk an Technologieentwicklungs­zentren

entsprechend aufgestellt – mit Prüfständen für E-Achsen,

Batterieentwicklung, Brennstoffzellenforschung und so weiter.

Worin sehen Sie den größten Unterschied zwischen China

und anderen Märkten, und was leiten Sie daraus für AVL ab?

Der chinesische Markt ist von Wettbewerb geprägt. Wenn man

mit einem Produkt oder einer Lösung erfolgreich ist, gibt es

sofort zehn andere Anbieter, die es besser machen wollen. Der

Wettbewerb ist grenzenlos und die Chinesen arbeiten unglaub-

lich hart, um erfolgreich zu sein. Heute kommen sehr viele

technologische Innovationen aus China und das Land hat in

vielen Bereichen längst die Marktführerschaft übernommen –

zum Beispiel bei BEVs und Software-definierten Fahrzeugen.

Für AVL bedeutet das, die richtigen Ansatzpunkte zu finden,

wo wir einen Unterschied machen können. Schnelle und kos-

tengünstige Lösungen – von allen Ebenen unserer strategi-

schen Geschäftsbereiche. Unsere chinesischen Kunden sind

immer auf der Suche nach Innovationen.

Welche Rolle spielen die Werte der AVL für den Erfolg?

Unsere Werte sind eine gute Basis, um auf jedem Markt zu be-

stehen. Pioniergeist, Innovationskraft, Leidenschaft, Unabhän-

gigkeit und vor allem Zuverlässigkeit: Wenn wir einem Kunden

sagen, dass wir ein wichtiges Problem lösen können, dann

lösen wir es auch. Wo wir meiner Meinung nach noch besser

werden können, ist die Geschwindigkeit, mit der wir Aufgaben

erledigen. Die Entwicklungszyklen der Industrie werden immer

kürzer – vor allem hier in China. Da müssen wir Schritt halten.

Was reizt Sie an der Zukunft von AVL und der Automobil-

industrie insgesamt am meisten?

Die Beschleunigung des technologischen Wandels hat mich

schon immer fasziniert. Quantencomputer und Künstliche

Intelligenz werden diesen Trend weiter vorantreiben. Unser

Denken muss sich diesem Tempo anpassen. Ich bin gespannt,

wo wir in zehn Jahren beim autonomen Fahren stehen. Ich

bin sehr zuversichtlich, dass es nicht mehr lange dauert, bis

wir unsere Autos nicht mehr selbst steuern. Aus AVL-Sicht ist

es wichtig, die richtigen Leute im Haus zu haben, um sich den

neuen Herausforderungen zu stellen und die Transformation

zu managen. Für uns bei AVL China, die wir schon mit hunder-

ten von Kunden zu tun hatten, ist es immer wieder spannend,

neue Organisationen zu unterstützen und mit jungen Unter-

nehmer:innen und Ingenieur:innen zusammenzuarbeiten. Sie

haben neue Denkweisen und Visionen für die Zukunft. Und

natürlich spielen wir weiterhin eine wichtige Rolle, wenn es da-

rum geht, die Probleme des Klimawandels zu lösen. Was wir

tun, ist wichtig. Wir können jeden Morgen mit der Gewissheit

aufwachen, dass wir Lösungen finden und nicht neue Proble-

me für die Menschheit schaffen.

Welchen Rat haben Sie für junge Menschen, die gerade bei

AVL anfangen?

Seid flexibel und offen für neue Herausforderungen. Arbeitet

hart, es lohnt sich. AVL ist ein großartiger Arbeitgeber, weil

hier jede:r Einzelne eine erfolgreiche Karriere aufbauen und

etwas bewegen kann. Bei AVL haben talentierte Menschen

die echte und seltene Chance, eigene Träume und Ambitionen

zu verwirklichen. Das ist einer der Hauptgründe, warum junge

Menschen zu AVL kommen und über Jahrzehnte bleiben.

„Die Beziehungen zu

China sind sogar noch

älter als die AVL selbst.

Von 1926 bis 1932 war

AVL-Gründer Hans

List Professor an der

Tongji-Universität. Sein

Andenken wird hier

in China noch heute

hochgehalten.“

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