E-Mobilität ist ein weites Feld. Wo sehen Sie die Anwendun-
gen der unterschiedlichen Technologien?
Luigi Giordano: Hier müssen wir zwischen Pkws, Nutzfahr-
zeugen, SUVs und all den nicht-automobilen Anwendungen
unterscheiden. Bei den Pkws sehen wir mehr den reinen
Elektroantrieb, im Nutzfahrzeugbereich gibt es hingegen auch
Potenzial für Antriebe auf der Basis von Brennstoffzellen und
Wasserstoff.
Jürgen Rechberger: Ja, absolut. Der Schlüssel für diese
Anwendungen ist die Energiespeicherung. Mit einer Batterie
können wir derzeit nur eine relativ begrenzte Menge an Energie
speichern. Mit Wasserstoff geht da viel mehr – er wird überall
dort eine wichtige Rolle spielen, wo es um große Fahrzeuge
und lange Strecken geht: also bei Flugzeugen, in der Schifffahrt
und bei den Lkws. Bei den Pkws kann ein Großteil der Anforde-
rungen batterieelektrisch abgedeckt werden.
Gerhard Meister: Es gibt verschiedene Wege zu nachhaltiger
Mobilität – bei AVL arbeiten wir an Lösungen für mehrere
Energieträger. Wenn man elektrische Energie direkt nutzen kann,
sind BEVs (Battery Electric Vehicles) die perfekte Lösung – fünf-
mal effizienter als Fahrzeuge, die mit synthetischen Kraftstoffen
betrieben werden. Der Engpass in der Transformation zur CO2-
Neutralität liegt in der Produktion von Strom aus erneuerbaren
Quellen und bei der Speicherung der elektrischen Energie. Je
effizienter man ist, desto leichter kann die Transformation gelin-
gen. Man muss im Auge behalten, dass wir insgesamt Klima-
neutralität anstreben, nicht nur im Transportwesen.
Beim neuen Energiemix für nachhaltige Mobilität stellt sich
die Frage: Wie führen wir neue Technologien zu optimaler
Funktionalität – und machen sie zugleich erschwinglich für die
Industrie?
Giordano: Die Optimierung neuer Technologien für nachhalti-
ge Mobilität und die Berücksichtigung ihrer Erschwinglichkeit
beginnt bereits in der Entwicklungsphase. Kostenreduktionen
können durch kleinere Batterien, schnellere Ladezeiten und
effizientere Elektromotoren erreicht werden. Darüber hinaus er-
möglichen unsere Testeinrichtungen, dank der umfangreichen
Nutzung von Virtualisierung, unseren Kunden, die Komponen-
ten des Antriebssystems unter den vielfältigsten Betriebsbedin-
gungen zu testen, was zu erheblichen Kosteneinsparungen und
beschleunigten Entwicklungszeiten führt.
Meister: Bei der Elektromobilität gehören Kosten und Lade-
infrastruktur zu den wichtigsten Herausforderungen, wenn es
um die breite Markteinführung geht. Der enorme Bedarf an
Batteriespeichern hält die Batteriepreise hoch. Um den Druck
auf die Lieferketten zu verringern, müssen neue Batteriezellen
auf den Markt kommen. Natrium-Ionen-Batterien etwa sind
im Kommen für bestimmte Anwendungen. Sie sind günstiger
in der Herstellung und können den Nachfragedruck auf die
Lithium-Ionen-Batterien abmildern und so mittelfristig zu sin-
kenden Batteriepreisen beitragen. Generell gilt es in Anbetracht
der Kostensensitivität, mit seltenen Rohstoffen möglichst
sparsam umzugehen und auch das Recycling so zu gestalten,
dass dieses mit möglichst wenig Energieaufwand durchgeführt
werden kann. Dazu hat AVL gerade eine neuartige Lösung für
Batteriekühlung implementiert, bei der keine Wärmeleitpaste
benötigt wird. Dadurch kann man beim Recycling die verschie-
denen Materialien viel einfacher stofflich voneinander trennen.
Man muss also weniger Energie einsetzen, um wieder zu batte-
rietauglichen Rohstoffen zu gelangen. Das ist ein gutes Beispiel
dafür, wie wir Nachhaltigkeit vorantreiben.
Könnten Sie uns ein wenig mehr über Wasserstoff und seine
potenziellen Auswirkungen auf die Welt der Mobilität erzählen?
Rechberger: Wasserstoff wird primär für die Dekarbonisierung
der energieintensiven Industrie und des Energiesystems benö-
tigt. Industrieprozesse wie die Stahlerzeugung benötigen heute
sehr viel Energie in Form von Kohle und Erdgas. Wasserstoff
ist hier die einzige Möglichkeit für eine weitgehende Dekarbo-
nisierung. Die zweite zentrale Rolle von Wasserstoff liegt im
Energieimport. Länder wie Österreich und Deutschland werden
selbst bei einem massiven Ausbau der lokalen erneuerbaren
Energien immense Energiedefizite aufweisen. Dafür muss in
Zukunft ein CO2-neutraler Energieträger importiert werden und
das wird erneuerbarer Wasserstoff oder ein Wasserstoff-De-
rivat wie Ammoniak oder Methanol sein. In diesem Sinne spielt
Wasserstoff sogar für unsere Elektrofahrzeuge eine entschei-
dende Rolle, da er helfen wird, die Energieversorgung dafür
sicherzustellen.
Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der E-Mobilität?
Meister: Das Wichtigste zum Thema E-Mobilität: Jeder, der
noch kein Elektrofahrzeug ausprobiert hat, sollte das schnell
nachholen – das Fahrgefühl ist fantastisch. Es ist geräuschlos,
die Beschleunigung ist erstaunlich. Die Technologien haben
einen hohen Reifegrad erreicht und sind bereit für die breite
Markteinführung. Auch die Ladeinfrastruktur ist heute schon in
vielen Ländern sehr gut.
Rechberger: Ja, auf Fahrzeugebene sind wir einer guten
Lösung bereits wirklich sehr nahe. Meine Sorge gilt eher der
dahinter liegenden Energieversorgung und der entsprechenden
Infrastruktur. Wir müssen da viel schneller werden und den Auf-
bau der lokalen erneuerbaren Produktion dramatisch beschleu-
nigen. Weiters müssen wir uns auf Energieimporte in Form von
Wasserstoff konzentrieren und natürlich auch auf den Ausbau
der Infrastruktur.
Giordano: Entscheidend ist die weitere Entwicklung der
elektrischen Stromnetze und ihre Vernetzung zwischen den
Regionen, um die natürlichen Schwankungen der erneuerbaren
Energiequellen auszugleichen und sicherzustellen, dass güns-
tigerer Strom für den Endnutzer verfügbar gemacht werden
kann, wenn er sein Fahrzeug auflädt.
Interview mit
Gerhard Meister
Luigi Giordano
Jürgen Rechberger