AVL Focus - 75 Jahre Sonderausgabe

THE AVL MOBILITY TREND MAGAZINE - 2023

E-Mobilität ist ein weites Feld. Wo sehen Sie die Anwendun-

gen der unterschiedlichen Technologien?

Luigi Giordano: Hier müssen wir zwischen Pkws, Nutzfahr-

zeugen, SUVs und all den nicht-automobilen Anwendungen

unterscheiden. Bei den Pkws sehen wir mehr den reinen

Elektroantrieb, im Nutzfahrzeugbereich gibt es hingegen auch

Potenzial für Antriebe auf der Basis von Brennstoffzellen und

Wasserstoff.

Jürgen Rechberger: Ja, absolut. Der Schlüssel für diese

Anwendungen ist die Energiespeicherung. Mit einer Batterie

können wir derzeit nur eine relativ begrenzte Menge an Energie

speichern. Mit Wasserstoff geht da viel mehr – er wird überall

dort eine wichtige Rolle spielen, wo es um große Fahrzeuge

und lange Strecken geht: also bei Flugzeugen, in der Schifffahrt

und bei den Lkws. Bei den Pkws kann ein Großteil der Anforde-

rungen batterieelektrisch abgedeckt werden.

Gerhard Meister: Es gibt verschiedene Wege zu nachhaltiger

Mobilität – bei AVL arbeiten wir an Lösungen für mehrere

Energie­träger. Wenn man elektrische Energie direkt nutzen kann,

sind BEVs (Battery Electric Vehicles) die perfekte ­Lösung – fünf-

mal effizienter als Fahrzeuge, die mit synthetischen Kraftstoffen

betrieben werden. Der Engpass in der Transformation zur CO2-

Neutralität liegt in der Produktion von Strom aus erneuerbaren

Quellen und bei der Speicherung der elektrischen Energie. Je

effizienter man ist, desto leichter kann die Transformation gelin-

gen. Man muss im Auge behalten, dass wir insgesamt Klima-

neutralität anstreben, nicht nur im Transportwesen.

Beim neuen Energiemix für nachhaltige Mobilität stellt sich

die Frage: Wie führen wir neue Technologien zu optimaler

Funktionalität – und machen sie zugleich erschwinglich für die

Industrie?

Giordano: Die Optimierung neuer Technologien für nachhalti-

ge Mobilität und die Berücksichtigung ihrer Erschwinglichkeit

beginnt bereits in der Entwicklungsphase. Kostenreduktionen

können durch kleinere Batterien, schnellere Ladezeiten und

effizientere Elektromotoren erreicht werden. Darüber hinaus er-

möglichen unsere Testeinrichtungen, dank der umfangreichen

Nutzung von Virtualisierung, unseren Kunden, die Komponen-

ten des Antriebssystems unter den vielfältigsten Betriebsbedin-

gungen zu testen, was zu erheblichen Kosteneinsparungen und

beschleunigten Entwicklungszeiten führt.

Meister: Bei der Elektromobilität gehören Kosten und Lade-

infrastruktur zu den wichtigsten Herausforderungen, wenn es

um die breite Markteinführung geht. Der enorme Bedarf an

Batteriespeichern hält die Batteriepreise hoch. Um den Druck

auf die Lieferketten zu verringern, müssen neue Batteriezellen

auf den Markt kommen. Natrium-Ionen-Batterien etwa sind

im Kommen für bestimmte Anwendungen. Sie sind günstiger

in der Herstellung und können den Nachfragedruck auf die

Lithium-Ionen-Batterien abmildern und so mittelfristig zu sin-

kenden Batteriepreisen beitragen. Generell gilt es in Anbetracht

der Kostensensitivität, mit seltenen Rohstoffen möglichst

sparsam umzugehen und auch das Recycling so zu gestalten,

dass dieses mit möglichst wenig Energieaufwand durchgeführt

werden kann. Dazu hat AVL gerade eine neuartige Lösung für

Batteriekühlung implementiert, bei der keine Wärmeleitpaste

benötigt wird. Dadurch kann man beim Recycling die verschie-

denen Materialien viel einfacher stofflich voneinander trennen.

Man muss also weniger Energie einsetzen, um wieder zu batte-

rietauglichen Rohstoffen zu gelangen. Das ist ein gutes Beispiel

dafür, wie wir Nachhaltigkeit vorantreiben.

Könnten Sie uns ein wenig mehr über Wasserstoff und seine

potenziellen Auswirkungen auf die Welt der Mobilität erzählen?

Rechberger: Wasserstoff wird primär für die Dekarbonisierung

der energieintensiven Industrie und des Energiesystems benö-

tigt. Industrieprozesse wie die Stahlerzeugung benötigen heute

sehr viel Energie in Form von Kohle und Erdgas. Wasserstoff

ist hier die einzige Möglichkeit für eine weitgehende Dekarbo-

nisierung. Die zweite zentrale Rolle von Wasserstoff liegt im

Energieimport. Länder wie Österreich und Deutschland werden

selbst bei einem massiven Ausbau der lokalen erneuerbaren

Energien immense Energiedefizite aufweisen. Dafür muss in

Zukunft ein CO2-neutraler Energieträger importiert werden und

das wird erneuerbarer Wasserstoff oder ein Wasserstoff-De-

rivat wie Ammoniak oder Methanol sein. In diesem Sinne spielt

Wasserstoff sogar für unsere Elektrofahrzeuge eine entschei-

dende Rolle, da er helfen wird, die Energieversorgung dafür

sicherzustellen.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der E-Mobilität?

Meister: Das Wichtigste zum Thema E-Mobilität: Jeder, der

noch kein Elektrofahrzeug ausprobiert hat, sollte das schnell

nachholen – das Fahrgefühl ist fantastisch. Es ist geräuschlos,

die Beschleunigung ist erstaunlich. Die Technologien haben

einen hohen Reifegrad erreicht und sind bereit für die breite

Markteinführung. Auch die Ladeinfrastruktur ist heute schon in

vielen Ländern sehr gut.

Rechberger: Ja, auf Fahrzeugebene sind wir einer guten

Lösung bereits wirklich sehr nahe. Meine Sorge gilt eher der

dahinter liegenden Energieversorgung und der entsprechenden

Infrastruktur. Wir müssen da viel schneller werden und den Auf-

bau der lokalen erneuerbaren Produktion dramatisch beschleu-

nigen. Weiters müssen wir uns auf Energieimporte in Form von

Wasserstoff konzentrieren und natürlich auch auf den Ausbau

der Infrastruktur.

Giordano: Entscheidend ist die weitere Entwicklung der

elektrischen Stromnetze und ihre Vernetzung zwischen den

Regionen, um die natürlichen Schwankungen der erneuerbaren

Energiequellen auszugleichen und sicherzustellen, dass güns-

tigerer Strom für den Endnutzer verfügbar gemacht werden

kann, wenn er sein Fahrzeug auflädt.

Interview mit

Gerhard Meister

Luigi Giordano

Jürgen Rechberger